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[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 5] Die Unabhängigkeit fördern

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„Niemals für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann“

Immer wenn wir für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann, zeigen wir ihm, dass wir größer, besser, fähiger, gewandter, erfahrener und wichtiger sind als dieses. Dauernd bekunden wir die uns angemaßte Überlegenheit und die ihm unterstellte Unterlegenheit. Und dann verstehen wir nicht, wenn es sich unfähig vorkommt und untüchtig wird!

Für ein Kind etwas tun, das es selbst könnte, ist außerordentlich entmutigend, da es dadurch der Gelegenheit beraubt wird, seine eigene Stärke zu erleben. Es zeigt unseren völligen Mangel an Vertrauen in seine Fähigkeit, seinen Mut und sein Können, entzieht ihm das Gefühl der Sicherheit, welches nur auf der Erkenntnis der eigenen Fähigkeit, Probleme zu lösen, beruhen kann, und nimmt ihm das Recht, Selbstständigkeit zu entwickeln – alles nur, um unsere Vorstellung der eigenen Unentbehrlichkeit aufrechtzuerhalten.

Wir bekunden damit einen ungeheuren Mangel an Achtung vor dem Kind als Person.

Von frühester Kindheit an zeigen unsere Kinder, dass sie vieles selber tun wollen. Das Baby möchte den Löffel haben, weil es sich selber füttern will. Nur allzu oft bringen wir die Kinder von diesen frühen Versuchen ab, um ein „Unglück“ zu verhindern, und rufen damit Entmutigung und eine falsche Meinung des Kindes von seinen eigenen Kräften hervor.

Sobald ein Kind den Wunsch zeigt, selbst etwas zu tun, sollten wir es zulassen – es gibt viel mehr Möglichkeiten für ein Kind, sich selbst und anderen zu helfen, als wir glauben. Es braucht dazu aber Hilfe und Ermutigung von Erwachsenen. Dafür müssen wir sorgen.
Wir haben jedoch nicht das Recht, alles für das Kind zu tun und es davon abzuhalten, freiwillig nützliche Beiträge zu leisten.

Wächst das Kind, führt seine natürliche Neigung dazu, mehr und mehr Dinge für sich selbst und für andere zu tun. Die Neigung kann aber durch Angst, durch übertriebenes Beschützen und den leicht erreichbaren Dienst der Eltern (aber auch von LehrerInnen) erstickt werden. Dadurch entdeckt das Kind rasch den positiven Wert seiner Schwäche. Nebenbei wird es entmutigt und nimmt an, nicht fähig zu sein, selbst etwas zu tun; es glaubt, unzulänglich zu sein, und hat keine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten. Eine weitere Folge davon ist die Herabsetzung seiner bereits geschwächten Selbstsicherheit und seines Selbstvertrauens.

Die Erwachsenen müssen lernen zurückzutreten, dem Kind Raum zu lassen, ihre Hilfe zu verweigern, aber Ermutigung zu verleihen. Es braucht schlussendlich ein Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes. Dieses stellt eine Form der Achtung vor dem Kind als Person dar.

„Niemals für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann“

(Teil 5 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)