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[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 1] Wandlung unseres sozialen Klimas

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Das Buchcover

Jede Kultur entwickelte eine bestimmte Art der Erziehung von Kindern und hatte ihre eigenen Methoden, den Lebensproblemen und Situationen zu begegnen. Jeder Mann, jede Frau sowie jedes Kind wussten genau, was von ihnen erwartet wurde: Verhalten wurde durch Tradition festgelegt. In diesen traditionellen Erziehungsmethoden gab es früher Grundsätze, wie z.B. „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“, die in jeder Familie beachtet wurden. Jeder wusste genau, wie sich Kinder benehmen sollten.

Unser zunehmendes Demokratieverständis mit seinen Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen hat nun einen grundlegenden Wandel in unserer Kultur bewirkt. Seit den Zeiten der Könige und Leibeigenen, über Etappen wie die Magna Charta der Engländer, die französische und die amerikanische Revolution bis hin zur Gegenwart gelangte die Menschheit allmählich zu der Erkenntnis von Gleichwertigkeit aller Menschen. Als Folge dieser Entwicklung wurde Demokratie nicht nur ein politisches Ideal, sondern auch eine Lebensweise. Ungeheuer rasch finden Veränderungen statt, über deren Natur sich nur wenige klar werden. Es ist hauptsächlich der Einfluss der Demokratie, die unsere soziale Atmosphäre verändert und die traditionellen Erziehungsmethoden unwirksam gemacht hat. In einer Gesellschaft Gleichwertiger kann keiner über den anderen bestimmen. Soziale Gleichwertigkeit bedeutet, dass jeder für sich selbst entscheidet.

In einer autokratischen Gesellschaft war der Herrscher grundsätzlich etwas Höheres und hatte Macht über die ihm Untergebenen. Ungeachtet seiner Stellung in der Welt herrschte der Vater jeder Familie über die Familienangehörigen, einschließlich seiner Frau. Heute ist dies nicht mehr so. Frauen verlangen Gleichberechtigung, und wie der Mann seine Macht über seine Frau verlor, so verloren beide als Eltern (genauso wie die Lehrer) ihre Macht über ihre Kinder. Dies war der Beginn einer allgemeinen sozialen Umschichtung, die zwar weitgehend empfunden, aber noch verhältnismäßig wenig verstanden wird.

Ähnliche Wandlungen können wir auch auf anderen Gebieten unseres sozialen Lebens (beispielsweise in Schulen) feststellen. Erwachsene fühlen sich durch die Ansicht, Kinder seien sozial gleichwertig, oft irritiert und verneinen ärgerlich eine solche Möglichkeit. Kinder sind für das soziale Klima besonders empfänglich. Rasch, wenn auch meist unbewusst, machen sie sich die Vorstellung gleicher Rechte für jedermann zu eigen. Sie spüren, dass sie den Erwachsenden gleichwertig sind, und können ein autokratisches Verhältnis des Herrschens und Sich-Unterwerfens nicht mehr ertragen. Auch Eltern spüren, wenn auch nur vage, dass ihre Kinder gleichwertig sind, und haben eine Kindererziehung schon lange aufgegeben, die den Wahlspruch „Du hast zu tun, was ich sage!“ auf ihre Fahne geschrieben hatte.

Dieser gesellschaftliche Wandel in unserer sozialen Atmosphäre ist die Grundlage für eine demokratische Erziehung unsere Kinder.

(Teil 1 aus dem Buch „Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?“ von Rudolf Dreikurs)