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André Stern – in Innsbruck: Begeistert lernen ohne Schule

André Stern

Begeistert lernen ohne Schule,
Potentiale ungehindert entfalten.

Nicht gegen Schule, sondern FÜR einen Lernort, der neu in den Kategorien „Potentiale“, „ohne Noten“, „Lernbegleitung“, „Freude am Lernen“ uvm. denkt. Davon wird André Stern in seinem Vortrag in Innsbruck sprechen. Kommet zahlreich!

Weitere Infos auf der Homepage des Tiroler Bildungsservice.

Wozu gab es Schule? Warum braucht es sie heute?

Schule früher
Quelle: Wikipedia, Autor: Flominator

Wir spüren eine Veränderung der Welt in einer Geschwindigkeit, mit der wir nur schwer mithalten können. Der Informationsfluss ist sehr hoch und was wirklich wichtig und bedeutsam für alle bzw. für uns ist, entfleucht leicht unserer Wahrnehmung. Die Zeit ist reif, die Dinge, wie sie sind, kritisch und nach Alternativen suchend zu hinterfragen.

Wir wollen auch die Schule hinterfragen und feststellen, was an ihr heutzutage (noch) bedeutsam ist. Die Darstellung der Entwicklung mag vereinfachend sein, aber wir bemühen uns um das Wesentliche in den einzelnen Phasen.

Die Einführung der Schulpflicht

Der Ursprung der traditionellen Beschulung liegt in der Einführung der österreichischen Schulpflicht unter Maria Theresia im Jahr 1774. Die industrielle Revolution war gerade in vollem Gange. Damals wurden Menschen benötigt, die in den Fabriken arbeiten. Somit verordnete Maria Theresia auf Basis ihres Nützlichkeitsideals, Kinderarbeit mit der allgemeinen Schulpflicht zu vereinen, die Schulpflicht für alle ÖsterreicherInnen. Der Sinn war der, Menschen so weit zu bilden, dass sie in Fabriken komplexere Arbeiten übernehmen konnten.

Die Vertreter der Aufklärung betonten dem gegenüber genauso die Bedeutung der schulischen Grunderziehung. Aufgabe der Schule sollte es sein, Fleiß, Gehorsam und christliche Demut zu lehren. Aus dieser Debatte resultierten die Fabrikschulen: Damit keine Arbeitszeit verloren ging, wurden Kinder in den direkt an den Fabriken angeschlossenen Schulen nach der Arbeit und an Feiertagen unterrichtet. (Auszug aus http://www.habsburger.net/de/kapitel/schule-statt-arbeit)

Das 19. Jhdt. war von Kriegen geprägt gewesen, wodurch ein gehorsamer, nach autoritärem Einfluss funktionierender Mensch als nützlich gesehen wurde.  Das machte die Schulen Maria Theresias zu einem wirkungsvollen Instrument für die Fabriks- und Kriegsmaschinerie. Bis zum 1. Weltkrieg verblieb dieser Zustand.

Das kurze Aufblühen der Reformpädagogik

Mit dem Untergang des habsburgerischen Reiches wurden Räume für reformpädagogische Bewegungen (Montessori, Rousseau, Summerhill etc.) frei. Diese etablierten sich in den 20er-Jahren. Der absolute Stillstand kam mit dem Nationalsozialismus: Schulen wurden geschlossen, Lehrpläne radikal überarbeitet und vereinheitlicht, regierungskritische Bücher verbrannt etc. Die Schulen und die Schulpflicht wurden als belehrende Instrumente der Ideologien des Nationalsozialismus verwendet. Wie sollte es sonst möglich gewesen sein, eine Ideologie dieser Größenordnung unter das Volk zu bringen? Die Schule war DAS geeignete Mittel zum Zweck.

Die schwere Geburt der Demokratie in der Nachkriegszeit

Mit dem Untergang des nationalsozialistischen Reiches gab es eine Entnazifizierung des Schulsystems. Das erste wegweisende Schulorganisationsgesetz (äußere, infrastrukturelle Organisation) stand jedoch erst 1962. Das innere Schulunterrichtsgesetz (Unterricht und Erziehung) folgte sogar erst 12 Jahre später, im Jahr 1974. Erst ab diesem Zeitpunkt fand Schule im demokratisch-rechtlichen Sinne statt. (Genauere Informationen siehe hier) Das Sinnbild einer demokratischen Schule benötigte somit 200 Jahre zur politischen Entstehung! Das Gesetz war „als Grundlage des Zusammenwirkens von Lehrern, Schülern und Erziehungsberechtigten als Schulgemeinschaft“ gedacht. Doch war damit das Ziel eines grundsätzlich veränderten Schulsystems erreicht? Nein, so Unterrichtsminister Dr. Sinowatz. Er stellte in der Debatte vor der Beschlussfassung fest:

„Dieses Schulunterrichtsgesetz ist nicht etwas Endgültiges, kann nichts Endgültiges sein und soll nichts Endgültiges sein, sondern es ist vielmehr die Ausgangsbasis dafür, dass Veränderungen im Gefolge der permanenten Schulreform nunmehr in Zukunft Eingang in dieses Gesetz finden können. Das Schulunterrichtsgesetz ist damit kein Abschluss der Entwicklung, sondern eben ein Ausgangspunkt“

Bis heute wurden nur wenige demokratisch orientierte Regelungen eingeführt, vor allem im Bereich der autonomen Beschlussfassungen der Schulen in Zusammenarbeit mit den Eltern (Schulgemeinschaftsausschuss, Schulforum, Klassenforum). Gleichzeitig führten zahlreiche Verordnungen des Unterrichtsministerium auf Basis des Schulunterrichtsgesetzes von 1974 zu einer Einengung des Handlungsspielraumes der Schulen. Damit wurde das von Dr. Sinowatz ursprünglich als „Ausgangspunkt“ bezeichnete Schulunterrichtsgesetz  für die Praxis bis in alle Einzelheiten geregelt. Der Geist der Schulen wurde beinahe einkokoniert und blieb in seinen alten, bestimmenden Strukturen verhaftet. Die sogenannte Methodenfreiheit wird zwar akzeptiert, jedoch verhindert das System aufgrund seiner einengenden Haltung – 50-Minuten Taktung, Einteilung in Fächer, Notengebung, Lehrer bestimmen den Schulalltag, Lehrer arbeiten vorzugsweise alleine, vorrangig lehrerzentrierter Unterricht, Weisungsgebundenheit etc. – neue pädagogische Konzepte.

Demokratie in Schulen? Vereinzelt ja, größtenteils nein!

Wir von den Lernkulturen 3.0 fragen uns: Warum gibt es heute nach 42 Jahren immer noch viele autoritäre, top-down-hierarchisierte Schulsysteme, obwohl 1974 zur „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ aufgerufen wurde? Wem kommt diese Art Schule heute noch zugute? Wieso gibt es immer noch zu wenige Schulen, wie wir sie als Lernorte der Gemeinschaft verstehen, die ihre alten Strukturen aufgegeben und moderne, demokratisch-orientierte pädagogische Ansätze entwickelt haben? Über 2000 Schulversuche in Österreich und der aushungernde Kampf des Establishments gegen alternative Schulmodelle  bezeugen die Widerwilligkeit des Schulsystems, eine vollständige Demokratisierung der Schulen zu ermöglichen. Wenn detaillierte Verordnungen den Schulalltag bestimmen und der Geist der Schulen in seiner belehrenden Rolle verbleibt, dann können wir nicht von einer „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ sprechen.

Der Sinn der Schulen heute

Schule heute
Quelle: Wikipedia, Autor: Metropolitan School

Wenn die Demokratisierung nur einen geringen Einzug in das Schulsystem gefunden hat, welche Art von Bildung macht für ihren Staat Sinn? Nach unseren Überlegungen nährt sich der Sinn aus folgenden Bereichen:

  • Druck auf die Eltern (Ohne Beschulung keine Arbeit/keine Klugheit für die Kinder)
  • Eltern wollen/müssen arbeiten (Ersatz bzw. Unterstützung für Eltern)
  • Anpassung (jede/r besucht eine Schule)
  • Sozialisierung der Kinder (Vorbereitung aufs Leben)
  • Bildungsferne Familien, welche die Unterstützung einer Schule benötigen
  • Absicherung der Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen etc.)
  • Kontrolle des Staates über die Bildung des Volkes; Vergleichbarkeit der Abschlüsse
  • PISA-Ergebnisse (Wichtigstes Qualitätsmerkmal für das Lernen)

Gleichzeitig stärkt er:

 

 

Diese Listen sind keineswegs vollständig, noch lassen sich die Punkte eindeutig definieren. Sie sind oft zwei- oder mehrdeutig. Sie sollen zum Nachdenken anregen, damit sich für uns der wirkliche, echte Sinn von Schule herausstellt. Ist er derselbe für alle von uns? Oder haben wir grundsätzlich verschiedene Einstellungen? Sollte zweiteres zutreffen, müsste sich die schulische Landschaft ebenso grundsätzlich ändern. Vielleicht wäre eine intensive Demokratisierung im Sinne 1974 ein logisches Ziel? Um auf das Bild des Kokons zurückzukommen: Wie soll der schulische Schmetterling des nächsten Jahrzehnts aussehen?