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Ab wann sprechen wir von einer Lernkultur?

Lernkulturen (er-)leben ein gemeinsames Verständnis für wie Lernen stattfinden soll sowie eine gemeinsame soziale Praxis zwischen Lernenden, Lehrenden und allen weiteren Beteiligten.

Es vollzieht sich bereits seit geraumer Zeit ein immer präsenter werdender Wandel im österreichischen Schulsystem. Der bisher stark vorrangige Lehrplan wird durch das Modell der Kompetenzen erweitert. Franz E. Weinert zufolge sind Kompetenzen die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können (Weinert, 2001).

Kompetenzen werden in weiterer Folge als „Ergebnisse von Lernprozessen“ genannt. Sie werden in der Auseinandersetzung mit der Welt gewonnen (siehe https://www.bifie.at/node/49). Genau hier liegt der große Unterschied bzw. die Ergänzung zum traditionellen Lehrplan. Der Lehrplan dient hauptsächlich der Vermittlung von Faktenwissen. Die Stärke dieser Anwendung ist die schnelle, effiziente analytische Durchdringung aller Lerngegenstände. Der Erziehungswissenschaftler Horst Rump sieht darin den in der pädagogische Praxis bekannten herkömmlichen „Unterricht“. Als Alternativbegriff bzw. als erweiterten Lernbegriff verwendet er „Lernkultur“, da laut ihm bestehendes Wissen ständig kritisch hinterfragt werden muss. Demnach sollen Lernkulturen zu anwendungsorientiertem, prozessorientiertem, kritischem und sozialem Lernen führen. Die „Kompetenzen“ erfüllen diesen Zweck, da sie Lernprozesse ergebnisorientiert beschreiben, die in Auseinandersetzung (in Anwendung) mit der realen, veränderlichen Welt gewonnen werden.

Der Wandel im österreichischen Schulsystem, wie auch im deutschen, beschreibt den Weg von der reinen Reproduktion überprüfbaren Wissens – vermittelt durch einen Unterrichtsplan – hin zu einem ganzheitlichen Lernprozess, der Fachlichkeit und überfachliches Lernen, individuelle und soziale Erfahrungen, Praxisbezug sowie die Erarbeitung des gesellschaftlichen Umfelds miteinander verknüpft (Bildungskommission N.R.W. (1995): Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Neuwied). Aus dem herkömmlichen „Lehrplanunterricht“ entstehen nach und nach Lernkulturen.

Wissen und Lernprozesse gehören vereint. Der Weg dorthin ist weit und es bedarf weiterer Anstrengungen der Lernorte, eine echte, natürliche Lernkultur zu etablieren. Mit wenigen, aber treffenden Fragen kann der eigene Lernort in einen fruchtbaren Veränderungsprozess geführt werden.

Was ist nun eine „Lernkultur“?

Ein verzwicktes Problem beinhaltet dieser Begriff. Er wurde zu oft in zu verschiedener Art und Weise eingesetzt. Dadurch hat er seine begriffliche Eindeutigkeit verloren. Es scheint jedoch, als versuchten die Anwender dieses Begriffes die ihrerseits gewünschten Änderungen im Bildungssytemen besser zu beschreiben. Manche Autoren und Projekte haben sich diesem Begriff eindeutiger gewidmet, um diese Lücke zu füllen:

  • Das Forschungsprojekt „Lernkultur Kompetenzentwicklung“ (2001-2007) hat ihn empirisch ergründet. Die Autoren kommen zu dem Entschluss, dass Lernkulturen nebst formellem Lernen auch informelles und non-formales Lernen beinhalten. Diese Art des Lernens enthält viele wichtige Lernprozesse.
  • Für Reckwitz (2001: Multikulturalismustheorien und der Kulturbegriff. Berliner Journal für Soziologie) ist eine Lernkultur eine differenzierte soziale Praxis im Sinne einer konkreten symbolischen Ordnung („Zweck des Lernens“) an Schulen, sie sich von anderen Schulen unterscheiden kann.
  • Dieser „Zweck des Lernens“ wird von Schmidt (2003: Was wir vom Lernen zu wissen glauben. Quem-Report, Heft 82) genauer betrachtet. Er stellt zwei Fragen, um das Verständnis bzw. den Zwecks des Lernens, welches der sozialen Praxis vor Ort zu Grunde liegt, festzustellen:
    • Was wird von wem aus welchen Gründen als „Lernen“ bezeichnet?
    • Wie wird Lernen initiiert

Alle diese Autoren und Forschungsprojekte haben eines gemeinsam: Sie verstehen Lernen als soziale Praxis zwischen Schülern und Lehrpersonen sowie allen weiteren Beteiligten.

Dementsprechend sind Lernkulturen, wie wir sie uns vorstellen, eindeutig unterscheidbar von Lernorten, die keine oder nur eine geringe soziale Praxis aufweisen. Mit ein paar einfachen Fragen lässt sich dieser Unterschied erkennen:

  1. Wird in erster Linie nur die Qualität des „Lehrens“ der Lehrpersonen beurteilt? Wird ebenso die Perspektive der Schüler – das „Lernen“ – in den Blick genommen?
  2.  Erarbeitet sich jede Lehrperson ihre eigene, isolierte Vorstellung eines gelingenen Unterricht? Wird das Unterrichtsgeschehen als komplex angesehen und damit in Zusammenarbeit regelmäßig hinterfragt und neu interpretiert?
  3. Wird hauptsächlich Wissen vermittelt? Werden ebenso der Erziehungsauftrag sowie „(Selbst-)Bildungsziele“ wahrgenommen?

Wenn ihr das nächste Mal an einer Schule seid, fragt euch genau diese Fragen, und ihr werdet nach einigen Versuchen an verschiedenen Standorten den gehaltvollen Unterschied spüren: Schulunterricht =! Lernkulturen.

Zum Abschluss zeige ich euch eine punktuelle Übersicht, genannt „Schule 20 versus Schule 21“ (Rasfeld, Breidenbach (2014): Schulen im Aufbruch. Kösel-Verlag), welche das Spannungsfeld zwischen dem herkömmlichen „Unterricht“ und den „Lernkulturen“ darstellt.

Vergleich Lernen 20 zu Lernen 21.jpg

Beteilige dich an Lernkulturen 3.0

Lernkulturen_3.0Stehst du für eine Philosophie des Lebens, in der Kinder Kinder und Menschen Menschen sein dürfen? Bist du für eine Beziehungskultur, die die Potentiale eines jeden Kindes im Rahmen einer natürlichen Entwicklung entfaltet? Möchtest du, dass jedes Kind gemäß seinen Begabungen, Talenten und Fähigkeiten heranwächst und sich so wie es ist entwickelt? Willst du in unserer Gesellschaft  eine potentialentfaltende Lernkultur?


Wenn dich diese Punkte ansprechen und dein Herz für eine neue Kultur des Lernens, Aufwachsens und Entwickelns schlägt, dann beteilige dich an Lernkulturen 3.0.

Wie kannst du dich daran beteiligen?

  • Wir benötigen Menschen, die in einer Philosophie des Lebens, wo Kinder Kinder und Menschen Menschen sein dürfen, aufgehen und die Potentiale eines jeden Einzelnen im Rahmen einer natürlichen Entwicklung entfalten  wollen.
  • Wir brauchen Menschen, die den Gedanken einer Beziehungskultur, in der Kinder Kinder und Menschen Menschen sein dürfen, in der Gesellschaft verbreiten. (Über Facebook, Twitter, E-Mail, Newsletter, Werbung, soziale Netzwerke, Gespräche, Vorträge, usw…)
  • Wenn du Lernkulturen 3.0 aktiv mitgestalten möchtest, in Form von Berichten, Videos, Lernorten, neuen Ideen, inspirierenden Personen, Institutionen, usw… oder dich mit uns über unsere und deine Vorstellungen von Lernkulturen 3.0 austauschen möchtest, dann melde dich bei uns über unser Kontaktformular.
  • Wir freuen uns über alle Menschen, die sich bei Lernkulturen 3.0 in konstruktiver Form beteiligen möchten. Denn nur gemeinsam können wir eine Umgebung schaffen, die die Potentiale unserer Kinder entfaltet.