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Das Kind verstehen

Kind

Das Hauptziel jeder Erziehung muss sein, dem Menschen zu einem besseren Selbstverständnis zu verhelfen und ihm Wege zum inneren Wachstum und zur Verwirklichung seiner Möglichkeiten aufzuzeigen, und zwar zu seinem eigenen Nutzen wie auch zu dem seiner Mitmenschen. In diesem Zusammenhang sind folgende grundsätzlichen Punkte wichtig:

  • Jeder Mensch kommt mit einem inneren Potential zur Welt.
  • Jeder Mensch verfügt über großartige Mechanismen der Selbstregulierung, deren Arbeit wir oft verhindern, indem wir unnötig in grundlegende Prozesse eingreifen.
  • Jeder Mensch, der mit Kindern zu tun hat, ist wichtig und kann als „Erzieher“ tätig werden, da er – das nötige Wissen vorausgesetzt – die Entwicklung des Kindes zu fördern vermag.
  • Die Phase von 0-3 Jahren ist diejenige, in der Körper und Geist zu einer harmonischen Balance finden müssen, da das gesamte spätere Leben von dieser ersten Entwicklungsphase abhängt.

„Der fundamentale Grundsatz für den Erzieher besteht demnach darin, nicht zum Hindernis für die Entwicklung des Kindes zu werden.“

Die Entwicklung eines Kindes verstehen

Entwicklung

Die Erkenntnisse über die Entwicklung eines Kindes stecken noch in den „Kinderschuhen“. Es ranken sich noch immer zahlreiche Irrtümer über das Heranwachsen unserer Kinder. Annahmen wie z. B. Kinder kämen als leere Blätter auf die Welt, ihnen müsse erst etwas beigebracht werden, das Gehirn ließe sich wie ein Muskel trainieren etc. hemmen den Entwicklungsprozess eines Kindes dermaßen, dass viele ihrer angeborenen Fähigkeiten und Talente unberücksichtigt bleiben und im schlimmsten Fall verloren gehen.

Laut dem Film „Alphabet“ werden 98% aller Menschen als hoch begabt (ausbaufähige, angeborene Talente) geboren, am Ende der Schulzeit bleiben nur mehr 2% übrig. Der große Rest hat durch die Struktur unserer Schulen und den dort herrschenden Leistungsdruck systematisch seine Begabung verloren und sich vom einzigartigen Individuum zum gesellschaftlichen Pflichterfüller gewandelt.

Die Ursache sehe ich darin, dass sich unsere herkömmlichen Schulen kaum mit der natürlichen Entwicklung des Kindes, der Verbindung von Hirn, Herz und Hand sowie den inneren Bedürfnissen und Interessen des Kindes beschäftigen. Damit schränken wir das Verständnis für unsere Kinder ein.

Hingegen beschäftigen sich die Lernkulturen 3.0 in Gestalt der Lernorte viel intensiver mit den Entwicklungsschritten und -phasen eines Kindes. Darum ist es dort auch möglich die Potentiale, Fähigkeiten und Begabungen, die die Kinder bereits in sich tragen, durch eine dem Entwicklungsstand entsprechende, vorbereitete Umgebung und achtsame LernbegleiterInnen mit innerer Haltung zu entfalten.

Was ein Kind bis zum Schuleintritt alles entwickelt, kann in folgenden Links erfahren werden:

„Erst wenn wir die Entwicklung eines Kindes ganzheitlich verstanden haben, können wir es bei der Entfaltung seiner individuellen Persönlichkeit begleiten.“

[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 5] Die Unabhängigkeit fördern

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„Niemals für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann“

Immer wenn wir für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann, zeigen wir ihm, dass wir größer, besser, fähiger, gewandter, erfahrener und wichtiger sind als dieses. Dauernd bekunden wir die uns angemaßte Überlegenheit und die ihm unterstellte Unterlegenheit. Und dann verstehen wir nicht, wenn es sich unfähig vorkommt und untüchtig wird!

Für ein Kind etwas tun, das es selbst könnte, ist außerordentlich entmutigend, da es dadurch der Gelegenheit beraubt wird, seine eigene Stärke zu erleben. Es zeigt unseren völligen Mangel an Vertrauen in seine Fähigkeit, seinen Mut und sein Können, entzieht ihm das Gefühl der Sicherheit, welches nur auf der Erkenntnis der eigenen Fähigkeit, Probleme zu lösen, beruhen kann, und nimmt ihm das Recht, Selbstständigkeit zu entwickeln – alles nur, um unsere Vorstellung der eigenen Unentbehrlichkeit aufrechtzuerhalten.

Wir bekunden damit einen ungeheuren Mangel an Achtung vor dem Kind als Person.

Von frühester Kindheit an zeigen unsere Kinder, dass sie vieles selber tun wollen. Das Baby möchte den Löffel haben, weil es sich selber füttern will. Nur allzu oft bringen wir die Kinder von diesen frühen Versuchen ab, um ein „Unglück“ zu verhindern, und rufen damit Entmutigung und eine falsche Meinung des Kindes von seinen eigenen Kräften hervor.

Sobald ein Kind den Wunsch zeigt, selbst etwas zu tun, sollten wir es zulassen – es gibt viel mehr Möglichkeiten für ein Kind, sich selbst und anderen zu helfen, als wir glauben. Es braucht dazu aber Hilfe und Ermutigung von Erwachsenen. Dafür müssen wir sorgen.
Wir haben jedoch nicht das Recht, alles für das Kind zu tun und es davon abzuhalten, freiwillig nützliche Beiträge zu leisten.

Wächst das Kind, führt seine natürliche Neigung dazu, mehr und mehr Dinge für sich selbst und für andere zu tun. Die Neigung kann aber durch Angst, durch übertriebenes Beschützen und den leicht erreichbaren Dienst der Eltern (aber auch von LehrerInnen) erstickt werden. Dadurch entdeckt das Kind rasch den positiven Wert seiner Schwäche. Nebenbei wird es entmutigt und nimmt an, nicht fähig zu sein, selbst etwas zu tun; es glaubt, unzulänglich zu sein, und hat keine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten. Eine weitere Folge davon ist die Herabsetzung seiner bereits geschwächten Selbstsicherheit und seines Selbstvertrauens.

Die Erwachsenen müssen lernen zurückzutreten, dem Kind Raum zu lassen, ihre Hilfe zu verweigern, aber Ermutigung zu verleihen. Es braucht schlussendlich ein Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes. Dieses stellt eine Form der Achtung vor dem Kind als Person dar.

„Niemals für ein Kind etwas tun, das es selbst tun kann“

(Teil 5 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)

[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 3] Die Sehnsucht, sich zugehörig zu fühlen

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Das Kind ist ein soziales Wesen und sein stärkster Beweggrund ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Seine Sicherheit oder Unsicherheit hängen ganz davon ab, ob es sich einer Gruppe (oder einer Gemeinschaft) zugehörig fühlt. Dies ist sein Grundbedürfnis. Sein ganzes Tun ist darauf ausgerichtet, einen Platz zu finden. Von der frühesten Kindheit an ist es damit beschäftigt, Mittel und Wege zu erkunden, um ein Teil seiner Familie (bzw. Gemeinschaft) zu sein.

Aus seinen Beobachtungen und Erfolgen zieht es Schlussfolgerungen, die zwar nicht in Worten formuliert werden aber trotzdem fest begründet sind: „Aha! So kann ich also dazugehören. So habe ich eine Bedeutung!“ Das Kind wählt die Methode, durch welche es sein Grundziel, nämlich dazuzugehören, zu erreichen hofft. Diese Methode wird zum unmittelbaren Ziel, zum Nahziel und bildet die Grundlage für sein Benehmen. Wir können deshalb sagen, dass sein Benehmen zielgerichtet ist.

Ein Kind ist sich der Beweggründe seines Verhaltens nie bewusst. Würde ein Kind gefragt, weshalb es mit dem Fuß klopfe, wäre seine ehrliche Antwort: „Ich weiß es nicht“ Um das Problem zu lösen, auf welche Weise es seinen Platz finden könne, ertastet es sich seinen Weg. Das Kind überlegt nicht bewusst, sondern handelt aus einem Impuls heraus. Es lernt durch „Versuch und Irrtum“, also durch ausprobieren. Sobald ihm irgendein Verhalten das Gefühl der Zugehörigkeit verleiht, wird es diese Verhaltensweise wiederholen.

Umgekehrt wird es sein Benehmen, das ihm das Gefühl des Alleinseins einbringt, aufgeben. Und damit haben wir die Grundlage für das Leiten und Führen von Kindern. Solange wir nicht verstehen, dass ein Kind um jeden Preis dazugehören möchte und sein Verhalten danach ausrichtet, werden wir kaum bewirken können, dass es an diesem etwas ändert. Bevor wir auf die von Kindern benützten Verhaltensweisen eingehen, die zum Ziel haben, ihnen das für die wichtigste Gefühl des Dazugehörens zu vermitteln, müssen wir etwas vom Kind in seiner Ganzheit verstehen, seine Beobachtungen, seine Umgebung und seine Stellung innerhalb der Familie (bzw. der Gemeinschaft).

(Teil 3 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)