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[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 2] Freiheit und Verantwortung

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Für viele Menschen bedeutet Demokratie aber nur die Freiheit, das zu tun, was sie wollen. Und so sind auch unsere Kinder an dem Punkt angelangt, wo sie sich gegen Beschränkungen auflehnen, weil sie das Recht zu tun, was sie wollen, als erwiesen betrachten. Dies ist jedoch keine Freiheit sondern Zügellosigkeit.

Wenn jedes Mitglied einer Familie (bzw. einer Gemeinschaft) darauf bestünde zu tun, was ihm gefällt, hätten wir ein Haus voll Tyrannen, dauernde Reibereien wären das Ergebnis. Unfriede stört die zwischenmenschlichen Beziehungen, was wiederum den Streit stärkt und Ärger, Nervosität und Reizbarkeit hervorruft.

Freiheit ist ein Teil unserer Gesellschaft; aber die fast unmerkliche Tatsache, dass wir Freiheit nur haben können, wenn wir auch die Freiheit anderer achten, wird oft nicht erkannt. Niemand kann sich der Freiheit erfreuen, wenn der Nachbar sie nicht auch genießt. Freiheit für alle erfordert Ordnung. Und Ordnung bringt gewisse Einschränkungen und Verpflichtungen mit sich. (=Gesellschaftsvertrag)

Der Begriff der Freiheit schließt auch den der Verantwortung ein. Ich habe die Freiheit, ein Auto zu lenken. Fühle ich mich aber auch frei, eine Einbahnstraße in der falschen Richtung zu befahren, so wird meine Freiheit bald ein Ende finden. Die Freiheit, einen Wagen zu fahren, bringt es mit sich, dass ich die Einschränkungen akzeptiere, die in Übereinstimmung mit den Regeln der Sicherheit für jedermann geschaffen wurden. Wir können nur dann frei sein, wenn auf Ordnung geachtet wird. Diese Ordnung ist nicht durch eine Autorität für deren Wohl auferlegt, sondern sie wird von jedermann zum Wohle aller (im Sinne des Gesellschaftsvertrages) beachtet.

Wohl abgewogene Beschränkungen vermitteln dem Kind ein Gefühl der Sicherheit, das Wissen um den eigenen Platz innerhalb der sozialen Struktur. Ohne solche Sicherheit fühlt es sich verloren und so nimmt sein stetiges Bemühen um Selbstfindung einen destruktiven Verlauf. Wir können dies bei vielen unglücklichen trotzigen Kindern beobachten.

Damit wir unseren Kindern helfen können, müssen wir uns von einer autokratischen Methode, die Unterwerfung fordert, abwenden und Prinzipien verwirklichen, die auf Freiheit und Verantwortlichkeit beruhen. Wir können unsere Kinder nicht mehr zu Willfährigkeit zwingen, sondern müssen sie anregen und ermutigen, freiwillig zur Aufrechterhaltung der Ordnung beizutragen.

„Damit Kinder sich in Freiheit entwickeln können, braucht es einen Gesellschaftsvertrag, der von allen Menschen mit Verantwortung getragen wird.“

(Teil 2 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)