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[SERIE „Frederick Mayer“: Teil 2] Von der verlorenen Würdigung der Kunst

Teil 2 der Serie
Teil 2 der Serie

Die Rolle der Kunst bestimmt den Fortschritt der Erziehung.

Ein geschichtlicher Vergleich unserer Vorfahren – der Athener und der Römer – macht die Sacher klarer: Die Athener bevorzugten eine harmonische Bildung, die behandelten Themen waren allgemeiner Gültigkeit und die Kunst das einigende Symbol der Kultur. Die Römer hingegen zeigten mit ihrer Architekter Größe und geballte Kraft, die behandelten Themen waren meist bürgerlich und die Kunst diente nur dem sozialen Status, ganz im Sinne des „Nützlichkeitsprinzips“. Vulgarität und schlechter Geschmack durchzogen den Charakter der Römer.

Der Umgang mit der Kunst bestimmt unseren Umgang mit der Erziehung und damit den Charakter unserer Gesellschaft. Die Struktur unseres heutigen Lebens – Leere, Hast, falsche Praxisbezogenheit, alles überwuchernder Konsum – ist absurd. Camus (beispielhaftes Buch „Der Fremde“) zeigt immer wieder, wie oberflächlich der Mensch lebt, wie Bücher kaum gelesen oder erlebt werden. Kierkegaard bemerkt einmal, dass wir alle wählen müssen, und das rechtzeitig. Es ist die Wahl, die der moderne Mensch treffen muss zwischen Utilitarismus (das reine Glück als Maß aller Dinge) und echtem Engagement.

Kunst ist ein Protest gegen die Unmenschlichkeit

In der Erziehung zeigt die Kunst, dass Gefühle kultiviert werden müssen und dass tiefes Gefühl wichtiger ist als intellektuelle Analyse.
In der Politik zeigt die Kunst, dass die Ideologie der menschlichen Bedürfnisse untergeordnet werden muss.
In der Religion zeigt die Kunst, dass Atmosphäre wichtiger ist als abstrakter Glaube.

Die Kunst erinnert den Menschen, dass er sich nicht mit der Welt, in der er lebt, einverstanden erklären kann, dass er Kräfte besitzt, die er noch nicht gebraucht, und Möglichkeiten, die er noch nicht entdeckt hat.

Kunst ist der pochende Lebensimpuls.

Kinder sind geborene Künstler

Sie lieben es zu zeichnen und Gedichte zu machen. Sie lieben Geschichten. Sie hören mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Das Problem ist, dass diese ästhetische Lebensart nicht ausdauert.

Denn Vertreter der herkömmlichen Erziehung meinen, dass das Anliegen der Schule kein primär ästhetisches sei. Sie hat Können hervorzurufen. Sie hat den Schüler vorzubereiten, sich der Gesellschaft anzupassen. Jedoch ist Konformität oft eine Reise in die Leere. Sie führt zur Lustlosigkeit. Sie kreiert das von anderen geführte Individuum, den organisierten Menschen.

Lernorte der Missachtung von Kunst

Wir vergessen, dass unsere Auffassungen von Kunst und unser Geschmack früh bestimmt werden. Aber nicht das Wissen ist so wichtig als viel mehr die Identifikation mit der Kunst. In der Wilhelm-Schule haben schon die Kinder zwischen drei und vier Jahren ein Gefühl für die Bedeutung von Kunst. In der herkömmlichen Schule betrachtet ein Bub die Dichtung ab einem gewissen Alter als unnötig. Er spielt lieber Fußball oder liest Karl May, scheut sich, seine Gefühle unmittelbar auszudrücken.

Der Stil der meisten Schulen wirkt einer „dichterischen“ Lebensart entgegen.

Es gibt nicht genügend Freizeit, dafür eine Fülle von Hausaufgaben. Hier überwiegen Fakten und Tatsachen, und der Diskussion wird zu wenig Raum gegeben. Das Schulgebäude selbst ist oft wenig einladend. Exkursionen sind die Essenz der dynamischen Erziehung, aber die Schulleiter der herkömmlichen Erziehung betrachten sie als Hindernis auf dem Weg zur Erfüllung des Lehrplans.

Vorsichtiger Blick in die Zukunft

Je mehr die Erziehung und die gesellschaftlichen Institutionen quantifizieren, desto mehr beten wir die Macht an, desto mehr werden wir von den Maschinen abhängig, desto seelenloser wird unsere Kultur. Wenn dieser Trend weitergeht, werden wir eine Umgebung hervorbringen, die eine Verschwörung gegen den menschlichen Geist darstellt. Wir werden Erziehungsinstitutionen gründen, die nicht erziehen und Kommunikationsmedien schaffen, die nur den Geist der Trivialität vermitteln.

Link zu Teil 1 der Serie „Frederick Mayer“

[SERIE „Frederick Mayer“: Teil 1] Eine Schule stellt sich vor: Die Wilhelm-Schule

Eine neue Bildung - Frederick Mayer
Auszug (Teil 1) aus diesem Buch

Dies ist eine wahre Geschichte, die glücklich beginnt, aber bitterschade endet. Der Inhalt stammt aus dem kürzlich vorgestellten Buch „Eine neue Bildung für eine neue Gesellschaft“ von Frederick Mayers.

Autoritäre Erziehung bringt gefügige Kinder hervor. Sie führt zu Frustration und zu direkter und indirekter Aggression. Sie lässt eine sterile antidemokratische Gesellschaft wuchern.

Der umspannende Rahmen

Die Wilhelm-Schule steht in Houston, Texas, wurde von Marilyn Wilhelm ins Leben gerufen und begann 1967 mit 3 Schülern. Sie wuchs bis an die Hundert im Alter zwischen zwei und fünfzehn Jahren. Sie hat einen internationalen Ruf erhalten und viele Menschen haben sie besucht, um die „dynamische Erziehung“ in Aktion zu sehen.
Die Wilhelm-Schule stellt eine kosmopolitische Gemeinschaft dar: Viele Kulturen und Nationalitäten sind vertreten. Unterschiede in der Herkunft sind willkommen. Auch in den Elternhäusern zeigt sich die Vielfalt in den verschiedenen Lebensarten. Viele Kinder bekommen Stipendien, da sich die Schule als eine demokratische Institution sieht, offen für jede Gruppe und Herkunft.

Antiautoritäre Erziehung kann zur Anarchie führen und zu grenzenloser Langeweile. Sie kann das Kind von den reichen Quellen der Zivilisation fernhalten, von den Künsten und den Wissenschaften, von einer Begegnung mit der Größe.

Die Züge des Lernens

Die Unterweisung beginnt mit der Kultur der Welt. Die Lehrenden kommen aus der ganzen Welt. Den Kindern wird bewusst, dass hohe Kultur nicht das Monopol einer einzigen Nation ist. Kurzum, sie werden zu Weltbürgern.

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Frederick Mayer: Eine neue Bildung für eine neue Gesellschaft

Eine neue Bildung - Frederick Mayer

Wie kann eine neue Auffassung von Erziehung zu einer echten Reform der Gesellschaft – vielleicht auch zu einer Rückbesinnung auf eine natürlichen Erziehung von Menschen – führen?

Der Begriff der „dynamischen Erziehung“ ist für Frederick Mayer der Schlüssel zu einem neuen Verständnis und verbesserten Umgang mit der Erziehung von Menschen. Bereits im ersten Absatz liest der Leser, dass Mayer der Überzeugung ist, „[…] dass der Begriff ‚Erziehung‘ bisher zu eng gefasst wurde. Die meisten Theoretiker konzentrierten sich auf Schulerfahrungen. […] Dynamische Erziehung erstreckt sich von alten Entwicklungen bis in unser Jahrhundert, vom Kindergarten bis zur Reifeprüfung, von philosophischen Zielen zu Problemen des elterlichen Einflusses.“

Lernkulturen 3.0 achten die natürliche Entwicklung. Das erfordert, wie Mayer auch schreibt, sowohl eine „Entbürokratisierung“ der Erziehung, die nur Routine und Anpassung liebt, als auch ein Zurückdrängen großer Institutionen, die im seinen Sinne in der Geschichte der Erziehung und Kultur überlicherweise Versager waren.

Der Grund: Authentische Erziehung erfordert persönliche Anregung. Sie erfordert eine ICH-DU-Begegnung.

Wenn es um den Bedeutungsunterschied von ERziehung und BEziehung geht, dann erkenne ich bei Mayer, dass seine Beschreibung der Erziehung sehr wohl eine gegenseitigen Anerkennung voraussetzt. Es ist nicht die herkömmliche Form der Erziehung gemeint, die am Misserfolg orientiert ist, keine dauernden Interessen schafft, statusorientiert ist, irreführend ist, kritisches Denken untersagt oder in einen nie endenden alten Trott mit schwerwiegenden seelischen Konsequenzen für alle Beteiligten führt.

Nein!

Eine erziehende Beziehung ist gemeint. Sie beinhaltet die ebenso notwendige Verantwortung der Erwachsenen gegenüber den Kindern, die Verantwortung der älteren Gegeneration gegenüber der jüngeren, die Verantwortung des Erfahrenen gegenüber dem Unerfahrenen. Unsere Liste der „Bedingungen für eine natürliche Entwicklung“ hat einige Punkte, welche diese Verantwortung ansprechen.

Eine neue Bildung für eine neue Gesellschaft. Ein provozierendes Buch, das die Gegenwart entwirrt und den Blick auf eine konstruktive Zukunft ermöglicht.