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„Teaching Thinking“ – Denken macht den Menschen!

Teaching Thinking

Eine der Voraussetzungen für eine gelingende Lernkultur 3.0 sind kulturelle Maßnahmen, die ALLE in Schulen, an Lernorten, in der Gesellschaft, am Leben, beteiligen. Dazu braucht es demokratische Strukturen, die es allen erlauben, an einem Meinungs- oder Entscheidungsprozess teilzunehmen.

Das Buch „Teaching Thinking“ von Robert Fisher gibt uns diese Werkzeuge in die Hand. Durch den philosophischen Zugang wird das kritische Denken angeregt sowie moralische und soziale Werte für einen gemeinsamen Gesellschaftsvertrag gefördert. An jedem Lernort lässt sich durch das philosophische Gespräch eine Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung, Wertschätzung und Teilhabe erschaffen.

„Teaching Thinking“ heißt:

  • Neugierig sein
  • Behilflich sein
  • Kritisch sein
  • Kreativ sein
  • Fürsorglich sein

Wenn das nicht wunderbare Bedingungen für Lernkulturen 3.0 sind!

Hier gibt es einen kurzen Beitrag (auf Englisch) darüber, warum „Denken können“ essentiell für gemeinschaftliche Gesellschaft ist.

[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 2] Freiheit und Verantwortung

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Für viele Menschen bedeutet Demokratie aber nur die Freiheit, das zu tun, was sie wollen. Und so sind auch unsere Kinder an dem Punkt angelangt, wo sie sich gegen Beschränkungen auflehnen, weil sie das Recht zu tun, was sie wollen, als erwiesen betrachten. Dies ist jedoch keine Freiheit sondern Zügellosigkeit.

Wenn jedes Mitglied einer Familie (bzw. einer Gemeinschaft) darauf bestünde zu tun, was ihm gefällt, hätten wir ein Haus voll Tyrannen, dauernde Reibereien wären das Ergebnis. Unfriede stört die zwischenmenschlichen Beziehungen, was wiederum den Streit stärkt und Ärger, Nervosität und Reizbarkeit hervorruft.

Freiheit ist ein Teil unserer Gesellschaft; aber die fast unmerkliche Tatsache, dass wir Freiheit nur haben können, wenn wir auch die Freiheit anderer achten, wird oft nicht erkannt. Niemand kann sich der Freiheit erfreuen, wenn der Nachbar sie nicht auch genießt. Freiheit für alle erfordert Ordnung. Und Ordnung bringt gewisse Einschränkungen und Verpflichtungen mit sich. (=Gesellschaftsvertrag)

Der Begriff der Freiheit schließt auch den der Verantwortung ein. Ich habe die Freiheit, ein Auto zu lenken. Fühle ich mich aber auch frei, eine Einbahnstraße in der falschen Richtung zu befahren, so wird meine Freiheit bald ein Ende finden. Die Freiheit, einen Wagen zu fahren, bringt es mit sich, dass ich die Einschränkungen akzeptiere, die in Übereinstimmung mit den Regeln der Sicherheit für jedermann geschaffen wurden. Wir können nur dann frei sein, wenn auf Ordnung geachtet wird. Diese Ordnung ist nicht durch eine Autorität für deren Wohl auferlegt, sondern sie wird von jedermann zum Wohle aller (im Sinne des Gesellschaftsvertrages) beachtet.

Wohl abgewogene Beschränkungen vermitteln dem Kind ein Gefühl der Sicherheit, das Wissen um den eigenen Platz innerhalb der sozialen Struktur. Ohne solche Sicherheit fühlt es sich verloren und so nimmt sein stetiges Bemühen um Selbstfindung einen destruktiven Verlauf. Wir können dies bei vielen unglücklichen trotzigen Kindern beobachten.

Damit wir unseren Kindern helfen können, müssen wir uns von einer autokratischen Methode, die Unterwerfung fordert, abwenden und Prinzipien verwirklichen, die auf Freiheit und Verantwortlichkeit beruhen. Wir können unsere Kinder nicht mehr zu Willfährigkeit zwingen, sondern müssen sie anregen und ermutigen, freiwillig zur Aufrechterhaltung der Ordnung beizutragen.

„Damit Kinder sich in Freiheit entwickeln können, braucht es einen Gesellschaftsvertrag, der von allen Menschen mit Verantwortung getragen wird.“

(Teil 2 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)

[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 1] Wandlung unseres sozialen Klimas

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Das Buchcover

Jede Kultur entwickelte eine bestimmte Art der Erziehung von Kindern und hatte ihre eigenen Methoden, den Lebensproblemen und Situationen zu begegnen. Jeder Mann, jede Frau sowie jedes Kind wussten genau, was von ihnen erwartet wurde: Verhalten wurde durch Tradition festgelegt. In diesen traditionellen Erziehungsmethoden gab es früher Grundsätze, wie z.B. „Kinder soll man sehen, aber nicht hören“, die in jeder Familie beachtet wurden. Jeder wusste genau, wie sich Kinder benehmen sollten.

Unser zunehmendes Demokratieverständis mit seinen Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen hat nun einen grundlegenden Wandel in unserer Kultur bewirkt. Seit den Zeiten der Könige und Leibeigenen, über Etappen wie die Magna Charta der Engländer, die französische und die amerikanische Revolution bis hin zur Gegenwart gelangte die Menschheit allmählich zu der Erkenntnis von Gleichwertigkeit aller Menschen. Als Folge dieser Entwicklung wurde Demokratie nicht nur ein politisches Ideal, sondern auch eine Lebensweise. Ungeheuer rasch finden Veränderungen statt, über deren Natur sich nur wenige klar werden. Es ist hauptsächlich der Einfluss der Demokratie, die unsere soziale Atmosphäre verändert und die traditionellen Erziehungsmethoden unwirksam gemacht hat. In einer Gesellschaft Gleichwertiger kann keiner über den anderen bestimmen. Soziale Gleichwertigkeit bedeutet, dass jeder für sich selbst entscheidet.

In einer autokratischen Gesellschaft war der Herrscher grundsätzlich etwas Höheres und hatte Macht über die ihm Untergebenen. Ungeachtet seiner Stellung in der Welt herrschte der Vater jeder Familie über die Familienangehörigen, einschließlich seiner Frau. Heute ist dies nicht mehr so. Frauen verlangen Gleichberechtigung, und wie der Mann seine Macht über seine Frau verlor, so verloren beide als Eltern (genauso wie die Lehrer) ihre Macht über ihre Kinder. Dies war der Beginn einer allgemeinen sozialen Umschichtung, die zwar weitgehend empfunden, aber noch verhältnismäßig wenig verstanden wird.

Ähnliche Wandlungen können wir auch auf anderen Gebieten unseres sozialen Lebens (beispielsweise in Schulen) feststellen. Erwachsene fühlen sich durch die Ansicht, Kinder seien sozial gleichwertig, oft irritiert und verneinen ärgerlich eine solche Möglichkeit. Kinder sind für das soziale Klima besonders empfänglich. Rasch, wenn auch meist unbewusst, machen sie sich die Vorstellung gleicher Rechte für jedermann zu eigen. Sie spüren, dass sie den Erwachsenden gleichwertig sind, und können ein autokratisches Verhältnis des Herrschens und Sich-Unterwerfens nicht mehr ertragen. Auch Eltern spüren, wenn auch nur vage, dass ihre Kinder gleichwertig sind, und haben eine Kindererziehung schon lange aufgegeben, die den Wahlspruch „Du hast zu tun, was ich sage!“ auf ihre Fahne geschrieben hatte.

Dieser gesellschaftliche Wandel in unserer sozialen Atmosphäre ist die Grundlage für eine demokratische Erziehung unsere Kinder.

(Teil 1 aus dem Buch „Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?“ von Rudolf Dreikurs)