Schlagwort-Archive: Belohnung

[SERIE „Rudolf Dreikurs“: Teil 4] Statt Belohnung und Bestrafung „Natürliche Folgen“ anwenden

Kinder_fordern_uns_heraus

Belohnung und Bestrafung rufen eine Art von Abhängigkeit hervor und bewirken dadurch auch, dass sich Kinder Strategien überlegen, wie sie zu einer Belohnung kommen bzw. wie sie einer Bestrafung entgehen können.

Was können wir tun, wenn Kinder ungezogen sind und sich Bestrafung und Belohnung als unwirksam erweisen? Nun was geschieht, wenn die Mutter den Kuchen im Herd vergisst? Die natürliche Folge ist, dass der Kuchen verbrennt. Wenn wir einem Kind erlauben, die Folgen seines Tuns zu erfahren, bieten wir eine ehrliche und wirkliche Lernsituation.

Was ist die natürliche Folge, wenn man sein Essen vergisst? Man hat Hunger. Die Mutter eines Kinder könnte in einem solchen Fall erklären, sie fühle sich dafür nicht mehr verantwortlich. Vergisst das Kind es dann wieder, kann die Mutter einfach seine Klage ignorieren. Schließlich ist es nicht ihr Problem. Natürlich wird das Kind sich ärgern, weil das Kind es für Mutters Pflicht hält, für sein Essen zu sorgen. Die Mutter könnte aber ruhig antworten: „Es tut mir leid, dass du es vergessen hast!“ Sollte sie jedoch hinzufügen: „Hoffentlich wird dir das eine Lehre sein!“, würde aus der „Folge“ sofort eine Bestrafung.

Es ist von großer Wichtigkeit, was man sagt. Man will doch dem Kind zeigen, dass es in seiner Macht steht, das bestehende Problem zu lösen, und nicht, dass es tun muss, was wir verlangen.

Die Vorstellung ein Kind hungern zu lassen, ist für viele Eltern furchterregend. Tatsächlich ist es unangenehm zu hungern. Aber wenn ein Kind sein Frühstück ab und zu nicht bekommt, hinterlässt das keinen körperlichen Schaden und das damit verbundene Unbehagen kann das Kind dazu bringen, künftig daran zu denken. Dies wird helfen, die Reibungsfläche zwischen dem Kind und den Erwachsenen zu verkleinern und eine größerer Harmonie entstehen zu lassen, was wichtiger ist als ein Butterbrot.

Wir haben weder das Recht, die Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen, noch dürfen wir die Folgen ihrer Handlungen tragen. Das alles ist ihre Sache.

Ohne Rücksicht darauf, wie viel Mitleid das Kind mit seinem Hunger erweckt, müssen wir dem Kind erlauben, hungrig zu sein, weil dies die natürliche Folge des Nichtessens ist. Es soll weder gedroht noch eine Belohnung (Nachtisch) in Aussicht gestellt werden. Der Schmerz des Hungers wird nicht durch die Bestrafung durch einen Erwachsenen verursacht, sondern ist die Folge der Realität.

Woher kommt es, dass Eltern keine Bedenken haben, mit Bestrafung Schmerzen zu verursachen, auf der anderen Seite aber über die Vorstellung von Hungerschmerz, den das Kind sich selbst zufügt, erschrocken sind? Anscheinend fühlen Eltern sich tief verantwortlich für die Nahrung und kommen sich schlecht vor, wenn ihr Kind nicht genügend Nahrung zu sich nimmt. Unsere übertriebene Sorge um das Essen und das tief verankerte Gefühl der Angst vor Krankheit und Magerkeit sind oft eine Maske. Eltern glauben an ihr Gefühl der Verantwortung, das an sich richtig ist, verdecken aber damit ihr tatsächliches Bestreben zu herrschen: „Ich will, dass mein Kind so isst, wie ich es für richtig finde!“ Es ist der Wunsch zu kontrollieren, der so viele Eltern (und auch LehrerInnen) auf Abwege führt.

Gerade diese autoritäre Kontrolle ist es, gegen die das Kind kämpft. Ist die „Autorität“ beseitigt und hat das Kind nichts mehr, wogegen es kämpfen muss, hat es keinen Sinn mehr, nicht zu essen. Es wird dann sehr wahrscheinlich essen, wenn es auch ein Weilchen dauern und sicherlich Geduld brauchen wird.

Werden natürliche Folgen als Drohung benützt oder aus Ärger „verhängt“, hören sie auf, Folgen zu sein und werden Bestrafung. Kinder entdecken rasch den Unterschied. Sie reagieren gut auf natürliche Folgen, wehren sich aber gegen Bestrafung.

„Die Anwendung natürlicher Folgen setzt ein Fingerspitzengefühl sowie ein Gespür bezüglich der Situation und der Reife des Kindes voraus.“

(Teil 4 aus dem Buch “Kinder fordern uns heraus – Wie erziehen wir sie zeitgemäß?” von Rudolf Dreikurs)