Wir ignorieren das Offensichtliche: Das Alter der Kinder

Du weißt genau, woran eine Situation krankt. Du weißt genau, welche Änderung hervorgerufen werden muss, damit sich diese Situation zum Besseren wendet. Du weißt es genau! Trotzdem änderst du nichts daran, obwohl du das Offensichtliche erkannt hast.

Lasst uns ein reales Beispiel in der Schule betrachten. Sehen wir uns an, was die Entwicklungspsychologie über das Entwicklungssalter eines Kindes sagt:

Entwicklungsalter
Haug-Schnabel, G. & Bensel, J. (2012): Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die ersten 10 Lebensjahre. Freiburg: Herder.

Unglaubliche 1,5 Jahre können Kinder in ihrer Entwicklung auseinanderliegen, obwohl sie tatsächlich gleich alt sind. Doch was macht Schule? Sie verpflichtet die Kinder mit Vollendung des 6. Lebensjahres zum Eintreten in die dieselbe Stufe mit denselben Anforderungen für alle Kinder. Nur die Bestimmung als Vorschulkind ermöglicht einen verzögerten Schuleintritt, ansonsten befinden sich alle Kinder in derselben Stufe.

Vergleichen wir diese Erkenntnis mit der Geburtsliste einer Schulstufe, so können wir ohne das Wissen über die Leistungen der einzelnen Kinder sehr wahrscheinlich annehmen, dass ältere Kinder
1.) aufgrund ihres tatsächlichen Altervorsprungs von bis zu einem Jahr und
2.) aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungsalters von bis zu eineinhalb Jahren
im Extremfall einen Erfahrungs- und Leistungsvorsprung von zweieinhalb Jahren haben.
Wir können das Beispiel auch umkehren, indem wir das jüngste Kind in seinem Entwicklungsalter noch einmal eineinhalb Jahre zurücksetzen. Es entstünde zwischen dem jüngsten und ältesten Kind ein Entwicklungsunterschied von 4! Jahren!

Natürlich beschreibe ich hier den Extremfall, doch es bestehen garantiert Erfahrungs- und Leistungsunterschiede mit einer Spannweite von 0-4 Jahren innerhalb einer Schulstufe. Trotzdem werden alle diese Kinder (mit Ausnahme der Vorschulkinder) mit denselben Herausforderungen und demselben Lehrplan konfrontiert.

Der traurige Wahrheit ist: Die meisten der Lehrpersonen wissen davon! Wir wissen, dass das Alter – vor allem in jungen Jahren – ausschlaggebend für das Lernverständnis, das Lerntempo, die Lerneffizienz ist. Die „Schnellen“ bleiben oft die „Schnellen“, weil sie tatsächlich und entwicklungsbedingt älter sind. Mit den „Langsamen“ verhält es sich genau umgekehrt.

Wir von den Lernkulturen 3.0 fragen uns, warum haben wir immer noch diese „Schulstufen“? Warum werden alle Kinder zu einem bestimmten Stichtag an die Schulen geholt? Warum behandeln wir alle Kinder gleich, wenn es um Beurteilungen geht? Warum vergleichen wir Kinder miteinander, die nicht vergleichbar sind?

Ein weiteres, reales Beispiel soll endgültig zum Nachdenken anregen und uns Schule anders gestalten lassen:

Der Stichtag der Zulassung für eine Altersgruppe im kanadischen Eishockey (Weltrangliga) ist der 1. Januar. Sehen wir uns die Geburtstage der Kader aller hochrangigen Teams an, so sehen wir immer das gleiche Bild: 40 Prozent sind zwischen Januar und März geboren, 30 Prozent zwischen April und Juni, 20 Prozent zwischen Juli und September und nur 10 Prozent zwischen Oktober und Dezember. Die jungen Spieler  hatten nie eine Chance und verloren im Wettstreit gegen die älteren Spieler.

Doch wir begegnen denselben Verzerrungen in sehr viel wichtigeren Bereichen, zum Beispiel der Schulbildung. Eltern, deren Kinder am Jahresende geboren wurden, denken oft darüber nach, diese ein Jahr später einzuschulen, damit sie nicht mit Kindern mithalten müssen, die ein gutes Jahr älter sind. Die meisten Eltern scheinen jedoch davon auszugehen, dass sich ein kleiner Nachteil, den ein jüngeres Kind in der Vorschule hat, im Laufe der Jahre schon ausgleichen wird. Das ist jedoch nicht der Fall. Es ist wie beim Eishockey: Der kleine Ausgangsvorteil, den ein älteres Kind gegenüber einem jüngeren mitbringt, wird eher noch größer. Kinder bleiben über Jahre hinweg in denselben  Mustern von Leistung und Schulversagen, Förderung und Frustration gefangen. (Gladwell, M. (2008): Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht. Frankfurt/New York: Campus.)

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